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Versteckspiel um Energiewerte beim Berliner Effizienzhaus Plus

Messdaten wecken Zweifel am Plusenergiehaus-Konzept

02.05.2013, 09:50

Berliner Effizienzhaus Plus
Die externe Lithium-Ionen-Batterie (rechts) macht eine Klimatisierung des Akkus nötig und erhöht so den Strombedarf. © Alexander Morhart

Beim presseoffenen Workshop des Bundesbauministeriums Ende November 2012 hatte noch alles ziemlich gut ausgesehen. Fraunhofer-Experte Hans Erhorn schilderte technische Details und erste Messergebnisse von deutschlandweit neun Modellhäusern, in denen übers Jahr mehr End- und Primärenergie gewonnen werden soll, als für deren Wärme- und Strombedarf nötig ist. Ministerialrat Hans-Dieter Hegner führte stolz das Berliner Haus vor und sagte, die Messdaten würden offen im Internet angezeigt – jeder könne die Ergebnisse sehen, auch wenn sie schlecht sein sollten. Vier Monate später: In einer Pressemitteilung des Ministeriums über das Berliner Modellhaus sieht immer noch alles gut aus – aber eben nur dort.

Daten zur Energiebilanz enthält die Mitteilung nicht, nur einen Verweis auf eine Regierungswebseite. Dort erscheint unter dem Link "Messdaten" nach einer Minute Ladezeit eine große leere Fläche mit der Überschrift "Stromkreislauf". Klickt man sich weiter zu "Energiebilanz", so werden auch keine Zahlen angezeigt, aber immerhin 18 schlecht aufgelöste Schaubilder. Wer den Aufwand nicht scheut, kann sich also dort die nötigen Grafiken heraussuchen, die ungefähren Werte mit Hilfe eines Lineals interpolieren und die interessierenden Angaben gegebenenfalls mit dem Taschenrechner ermitteln.

Die Ergebnisse sind der Mühe wert – sie haben es in sich. Statt wie geplant 16.625 kWh lieferte die Fotovoltaikanlage im ersten Messjahr nur etwa 13.300 kWh. Und statt der erwarteten knapp 7.000 kWh verbrauchte das Haus eine elektrische Energie von mindestens 12.000 kWh. Der magere Ertrag aus den Solarzellen wird vielleicht im laufenden Jahr wieder gutgemacht, denn 2012 schien die Sonne seltener als in einem durchschnittlichen Jahr. Sorgen müssen sich die Verfechter des Hauskonzepts aber wegen des zweiten Ergebniswerts machen. Das Effizienzhaus geht mit elektrischer Energie so ineffizient um, dass sogar das Plus in Frage gestellt ist.

Zumindest war der Energieüberschuss nach dem Verfahren in Frage gestellt, mit dem das Ministerium im Jahr 2012 den Strombedarf in "Hausverbrauch" und "Außenbeleuchtung/Infoquelle" aufteilen ließ. Eine solche Aufteilung ist sinnvoll, weil die nächtliche Festbeleuchtung und Bildschirmwerbung, mit denen Modellhaus und Elektroautos für Berliner Passanten in Szene gesetzt werden, im Alltag zukünftiger Normalhäuser wegfallen würden. Nach dem ursprünglichen Verfahren drohte aber kurz vor dem Ende des ersten Messjahrs die rote Kurve des real niedrigeren Fotovoltaikertrags unterhalb der blauen Summenkurve des real höher ausgefallenen Strombedarfs zu enden. Seit kurzem werden die Schaubilder mit einer anderen Aufteilung erstellt. Sieben stromaufnehmende Bauteile wurden aus dem "Hausverbrauch" herausgerechnet und in die Rubrik "Außenbeleuchtung/Infoquelle" verschoben, die seitdem "Projektspezifisch" heißt.

Nach dem neuen Verfahren liegt die rote Kurve über der blauen: "Das Haus liegt deutlich im Plus". Ist das so? Waren die sieben Bauteile im ersten Dreivierteljahr nicht projektspezifisch, und wenn nicht, warum sollen sie es jetzt sein? Bei Posten wie der Abflussrohr-Begleitheizung kann man argumentieren, im kalten Winter am Kontinentalklima-Standort Berlin müsse das Abwasser eher am Einfrieren gehindert werden als an einem mittleren, milderen Standort. Aber darf ein solcher Posten dann komplett raus aus dem Hausverbrauch – wäre es nicht vielmehr angemessen, nur den Unterschied zwischen einem kalten und einem mittleren Standort abzuziehen? Oder sollte man im Gegenteil sogar noch mehr subtrahieren, weil an einem mittleren Standort ja das Haus selbst auch nicht so stark geheizt werden muss?

Überhaupt nicht gerechtfertigt erscheint jedenfalls das Verschieben des Strombedarfs für Batterie-Heizung und Batterie-Belüftung. Die zum Konzept gehörende Batterie, die den Solarstrom zum Teil speichert, wird in einem mittleren Temperaturbereich gehalten, weil sonst der Wirkungsgrad noch stärker abfiele als ohnehin schon. Das ginge mit weniger Aufwand, wäre der Akku innerhalb des wärmegedämmten Hauses untergebracht – was jedoch gegen geltende Vorschriften verstoßen würde. Lithium-Ionen-Batterien der verwendeten Bauart lassen sich noch nicht zuverlässig gegen Überhitzung schützen, und ein möglicher Brand soll wenigstens nicht im Haus entstehen. Man kann hoffen, dass das in Zukunft anders wird. Aber sollte ein Modellhaus nicht den gegenwärtigen Stand der Technik darstellen?

Diese und weitere Fragen hätte EnBauSa.de gerne dem Ministerium gestellt, das jedoch auf einen damit beauftragten Mitarbeiter der Berliner Energieagentur verweist. Eine E-Mail vom 21. März an die angegebene Adresse, mit der wir um ein Gespräch bitten, führt weder zu einer Antwort noch zu einer Fehlermeldung, ebenso zwei weitere Versuche und eine Nachricht ans Ministerium selbst. Das mit den Messungen betraute Fraunhofer-Institut darf ohne grünes Licht von der Energieagentur nichts sagen.

Die vierte Mail am 16. April erbringt immerhin eine automatische Meldung, dass es mit dem Postfach effizienzhausplus@berliner-e-agentur.de ein Problem gebe. Wir erreichen den Mitarbeiter schließlich am Telefon. Er ist sehr freundlich und erwähnt einen Workshop, der im Januar in München stattgefunden habe. Die Presse wurde zu der als öffentlich bezeichneten Veranstaltung diesmal nicht eingeladen. Aber es gebe eine etwas versteckte Webseite des Ministeriums, von der man die Vortragsfolien herunterladen kann. Diese Seite funktioniert direkt nach dem Telefonat, ist aber schon wenig später ohne Weiterleitung umgezogen. Adresse bei Redaktionsschluss:  www.bmvbs.de/DE/EffizienzhausPlus/Modellvorhaben/Netzwerk/Workshops/artikel_workshop_03.html.

Vortragsfolien sind im günstigen Fall eine Quelle für zusätzliche Informationen, aber sie beantworten keine Nachfragen. Das kann der freundliche Mitarbeiter der Berliner Energieagentur auch nicht. Er sei noch nicht genügend im Thema drin. Aber Antje Bergmann vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) in Stuttgart könne es. Tatsächlich sollte sich Bergmann in diesem Thema auskennen, hat sie doch beim Workshop in München den Vortrag "Ergebnisse Monitoring" gehalten. Anruf bei Antje Bergmann. Ergebnis des etwas schleppend verlaufenden Gesprächs: Nur Abteilungsleiter Hans Erhorn könne etwas sagen – der sei aber krank und bis Redaktionsschluss nicht mehr zu erreichen. Die Position der Ministeriumsseite zur Energiebilanz des Effizienzhaus Plus muss daher zunächst offen bleiben.

Einer, der sich mit energieeffizienten Häusern auskennt, ist Timo Leukefeld. Er hat als Diplomingenieur 13 Jahre lang solche Häuser geplant und gebaut, lehrt seit 2001 als Honorarprofessor an verschiedenen Hochschulen und hält mehr als 80 Vorträge pro Jahr. Frage an Leukefeld, der zwar nicht an der Fraunhofer-Begleitforschung beteiligt ist, aber immerhin beim Münchner Ministeriums-Workshop als Referent eingeladen war: Warum wohl saugt das Berliner Effizienzhaus Plus so viel Strom aus der Leitung? – "Das Haus hat zu viel Technik, die nur sehr schwer aufeinander abzustimmen ist: kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, Bussystem, Luftwärmepumpe, mehrere Wechselrichter, verschiedene Steuerungen. Die Geräte für sich genommen sind zwar gemessen an dem, was auf dem Markt ist, effizient, aber haben dennoch einen Eigenstromverbrauch." Leukefeld sieht das Problem schon in der Planung angelegt: "Die Wärmepumpe erreichte nur eine Jahresarbeitszahl von 2,0 – auch weil die Fußbodenheizung eine hohe Vorlauftemperatur von 45 bis 50 Grad vom System anfordert. Hier empfehle ich, die Flächendimensionierung zu prüfen. Durch die großen Fensterflächen des Hauses gibt es im Winter, gerade bei der erlebten geringen Einstrahlung, hohe Wärmeverluste und geringe solare Gewinne. Dann heizt man wohl mit relativ heißem Vorlauf dagegen an."

Timo Leukefeld rät allerdings, nicht innerhalb des vorhandenen Konzepts zu optimieren, sondern für energieeffiziente Häuser einen anderen Ansatz zu wählen: "Solarthermie für den Wärmebedarf, PV als Edelenergie für Haushaltsstrom nutzen." Spätestens seit der Entwicklung bei zwei wichtigen Eingangsgrößen – viel geringere Einspeisevergütung für Fotovoltaikstrom, immer teurerer Strom aus dem öffentlichen Netz – erweise es sich als Fehler bei den bisherigen Gebäuden im Effizienzhaus-Plus-Programm, "dass dort nie größere Langzeitwärmespeicher eingesetzt wurden, obwohl die pro Kilowattstunde viel billiger in der Investition sind und Wärme über Tage und sogar Wochen speichern können."

Aber warum sind die Beteiligten darauf nicht selbst gekommen? Leukefeld: "Es könnte daran liegen, dass die meisten Planer und Handwerker keine Erfahrung und Kompetenz mit solchen großen Wärmespeichern haben und die beteiligten Architekten sich schwer täten, einen solchen in den Grundriss zu integrieren." von Alexander Morhart

Eine Verwendung dieses Textes durch Dritte ist kostenpflichtig. Eine Lizenzierung ist möglich. Bitte nehmen Sie bei Fragen Kontakt auf.

Kommentare zur Meldung

Kommentare 1 - 4 von 4.

Dipl.-Ing. Wilh. Chr. Koc - 12.07.2013, 15:04

Beim Energieeffizienzhaus Berlin-Charlottenburg hätte man eine energieeffizientere und wirtschaftlichere Lösung planen und ausführen können. Ein Gebäude im Passivhausstandard, in Verbindung mit dem von uns entwickelte System des "Wärmerückgewinnhauses" hätte eine preisgünstigere Lösung für ein Plus-Energiehaus dargestellt (siehe www.solar-speicherhaus.de.)

Bei dieser massiven Bauweise wird die gesamte häusliche Abwärme zurückgewonnen und über eine Abluftwärmepumpe das Gebäude beheizt und mit Warmwasser versorgt.

Außerdem wird ein großer Teil der Transmissionswärme des Gebäudes durch die luftdurchströmten Hüllflächen zurückgewonnen. Diese Außenbauteile sind Wärmetauscherflächen, in denen die benötigte Frischluft für die Aufenthaltsräume des Gebäudes mit der Transmissionswärme vorgewärmt werden.

Außerdem ist das Raumklima bei diesem System im Sommer besonders kühl und nicht zu warm, wie im obigen Pilotprojekt festgestellt.

Mit der zusätzlch eingebauten PV-Anlage wäre ein Effizienz-Plus-Haus leichter und preigünstiger erreichbar gewesen.

Martin Hundhausen - 08.05.2013, 15:28

Vorab von mir etwas Krtik an der Wahl des Titels.
"Zweifel am Plusenergiehauses-Konzept" klingt sehr allgemein und weckt den Eindruck, dass das Konzept des Plusenergiehauses zweifelhaft sei. Tatsächlich ist es das konkrete Projekt, in dem - lassen Sie es mich einmal so klar sagen - Leute, die offensichtlich gar nicht wissen, was ein Passivhaus ist, versucht haben ein Plusenergiehaus zu bauen.

Somit hat meiner Meinung nach das Bauministerium das Konzept diskreditiert.

Im Artikel kam die "Trickserei" allerdings deutlich heraus. Man startet mit großem Anspruch, weil Herr Ramsauer und Frau Merkel den Auftrag geben und nach einem Jahr kann man ja immer noch versuchen, das Gesicht zu wahren.

Das üble aus meiner Sicht ist aber, dass dann in den Köpfen bleibt: Geht ja gar nicht mit der Energiewende. Will die Politik das nicht vielleicht.

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Nun mein Beitrag:

Plusenergiehäuser sind überhaupt kein Problem!

Es muss nur ein Passivhaus gebaut werden (dazu gleich) und dann an diesem Haus eine gut dimensionierte PV-Anlage installiert werden. Das Plus ist dann nicht knapp, sondern ohne Probleme leicht zu erreichen. Und auch die Solarthermie sollte nicht fehlen.

1. Passivhaus: Heizenergiebedarf 15 kWh/m2a. Bei einer Wohnfläche von 140 m2 sind das 2100kWh Heizenergiebedarf.
2. Warmwasserbereitung: Am besten Solarthermie in der Südfassade integrieren! Dann kann man mit einem Energiebedarf von unter 1000 kWh/a leicht den Warmwasserbedarf decken.
3. Sparsame Haushaltsgeräte einsetzen: Ein Energiesparhaushalt muss locker mit 3000 kWh Strom im Jahr hinkommen! (Frau Merkel geht von 6000 kWh aus – scheint ihr Wert zu sein).

Summieren wir einmal den Energiebedarf des Hauses auf:
Heizen: 2100 kWh
Warmwasser (nicht solar gedeckt): 1000 kWh
Strombedarf: 3000 kWh
-------------------
Gesamt: 6100 kWh
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Auf dem Dach eines Einfamilienhauses kann leicht eine 10kW PV-Anlage gebaut werden. Stromproduktion ist dann über 9000 kWh/a. Es bleibt also ein Plus von ca 3000 kWh.

Ich habe vor 2 Jahren ein solches Haus gebaut.
Die PV-Anlage hat 14.6 kW, die Jahresproduktion liegt also im Bereich von 14.000 kWh/a. Das Plus ist also noch größer.

Der entscheidende Punkt ist aber: Man braucht ein Passivhaus. Warum das Haus in Berlin kein Passivhaus ist, kann man sofort sehen. Die große Glasfront ist nach Norden orientiert. Im Süden gibt es einen komischen Vorbau, ebenfalls große Fenster, aber keine Sonne! So baut man keine Passivhäuser. Folglich ist der Energiebedarf viel größer. Wenn man das noch mit einer Luftwärmepumpe heizt, ist der ökologische Unsinn perfekt. Warmwasser wird mit Strom bereitet.

Mich erinnert die Aktivität des Bauministeriums an das Projekt Growian. Das war eine Windkraftanlage, die nicht funktionert hat und im Image einen großen Schaden verursacht hat. Der eventuell von den Projektträgern damals gewollt war.

Unser Haus ist bewohnt, die Mieter freuen sich über niedrige Betriebskosten und es hat auch keine Millionen gekostet wie das Berliner Haus, welches angeblich dann auch noch abgerissen werden soll.

Eine peinliche Aktion, die leider mit dem Titel, welchen Sie hier gewählt haben, falsch charakterisiert ist.

dietmar spiegel wohnungsb - 07.05.2013, 16:31

Das Bauministerium hat wie in Stuttgart S21 einen Bock (Prof. Sobek) zum Gärtner gemacht und sich selber zum arglosen Hanswurst. Der "Gärtner" ist ein anerkannter Glas- und Technikfreak ("einem Ingenieur ist nicht zu schwör"), der nicht nach den Baukosten fragen muss. Ansonsten tendiert der Erkenntnisgewinn aus dem "Berliner Modellhaus" gegen Null. Und die anderen Häuser? Bleiben Sie dran!

de.ef. - 06.05.2013, 08:16

1."Aber sollte ein Modellhaus nicht den gegenwärtigen Stand der Technik darstellen?"
Wieso sollte mit einem Forschungsprojekt der Stand der Technik erforscht werden? Es geht ja gerade darum Erfahrungen mit noch nicht marktreifen Technologien/Konzepten zu sammeln, sie weiterzuentwickeln oder zu verwerfen.
2. Ziel eines Monitorings ist es meistens - und sicherlich auch bei diesem Projekt - das Anlagensystem aufeinander abzustimmen, Temperaturen anzupassen, Regler einzustellen usw. Dass nach einem Jahr noch nicht die gewünschten Ergebnisse auftreten ist m.E. völlig normal. Über das Haus, welches nach Inbetriebnahme sofort einwandfrei funktioniert hat, würde ich gern mal einen Artikel von der Redaktion lesen.

 

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