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Neue Heizung besser als Dämmung oder Fenstertausch

Graue Energie ist bei Gebäudesanierung meist vernachlässigbar

14.07.2016, 09:06

Herstellung von Solarzellen
Graue Energie wie hier bei der Herstellung von Solarzellen wird bei Sanierung durch Energieeinsparungen schnell egalisiert. © A. Morhart

Wärmedämmung und ein besseres Heizungssystem sparen Energie ein und vermeiden so nebenbei auch Umweltbelastungen. Aber Dämmstoff oder eine neue Heizungsanlage benötigen ihrerseits "graue" Energie zur Herstellung, zum Transport, während der Nutzung, und wenn sie am Ende zu Abfall werden. Stimmt dann überhaupt die Ökobilanz? - Ja, fast immer, sagt eine neue Studie des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW).

Bisher wurde mit wenigen Ausnahmen die graue Energie, die sozusagen im Bauprodukt oder in der Heizung selbst steckt, ignoriert. Zum einen hatten die Hersteller verständlicherweise kein Interesse an diesem Thema; zum anderen war es bis vor wenigen Jahren methodisch sehr schwierig, an die benötigten Daten zu kommen und, mehr noch, daraus brauchbare Aussagen zu gewinnen.

Zwei DIN-Normen und die Ökobaudat als Grundlage

Was die Daten angeht, konnten die beiden Autorinnen der Studie, Elisa Dunkelberg und Julika Weiß, auf die Datenbank Ökobaudat des Bundesumweltministeriums zurückgreifen. Für das grundsätzliche Vorgehen beim Aufbereiten dieser Daten konnten sie sich nach den Normen DIN EN ISO 14040ff und DIN EN 15804 richten.

Als es an die Details ging, ließen sie die Normen allerdings manchmal im Stich. Bei den Dämmstoffen zum Beispiel macht die EN 15804 keine Vorgaben für die Transporte vom Werkstor zur Baustelle, so dass Dunkelberg und Weiß einen Standardfall von 150 Kilometern Fahrt definieren mussten.

Noch komplizierter wurde es dadurch, dass die Autorinnen - beziehungsweise das Bundesforschungsministerium als Geldgeber - sich nicht mit dem Thema graue Energie begnügten, sondern in einer umfassenden Bilanz die ökologischen Wirkungen von diversen Maßnahmenkombinationen aus Dämmen und Heizungsaustausch bewerten wollten. Da war es also nicht mit dem Auszählen von Kilowattstunden und CO2-Äquvalenten getan, sondern es mussten zum Beispiel die Klimafolgen gegen die Gewässerbelastung (genauer: das Eutrophierungspotenzial) abgewogen werden - eine letztlich politische Entscheidung. Hier stützten sich die IÖW-Forscherinnen auf die von zwei US-Behörden vorgeschlagenen Gewichtungsfaktoren. Trotz der in diesem Punkt unbefriedigenden Grundlage und ungenauer Quellenangaben in der Studie macht die Arbeit insgesamt einen guten Eindruck, was die Methodik angeht.

Zurück zur grauen Energie und den darauf zurückgehenden Mengen an Klimagas. Die Menge an grauer Energie selbst ist in der Studie nicht dargestellt. Als Rechengrundlage benötigten die Forscherinnen ein Mengengerüst: Wieviel von den Baustoffen beziehungsweise welche Anlagengröße werden für die betrachtete Maßnahmenkombination jeweils benötigt?

Wie in solchen Fällen üblich wurden Gebäudeprototypen definiert, was die ebenfalls am Projekt beteiligte RWTH Aachen übernahm. Die sieben Prototypen umfassen Ein- und Mehrfamilienhäuser verschiedenen Alters und Sanierungszustandes mit Nutzflächen von 150 bis 500 m² und einem Primärenergiebedarf von 99 bis 290 kWh pro Quadratmeter und Jahr, alle mit Erdgas beheizt.

Beim Heizungssystem ist die graue Energie vernachlässigbar

Es wurden 22 Varianten des sanierten Heizungssystems gerechnet, von denen sich die Varianten mit Wärmepumpen jeweils noch durch einen variierten Strommix unterscheiden. Im Ergebnisdiagramm, in dem sowohl die Klimagasemissionen aus dem Betrieb über 40 Jahre hinweg als auch die auf die graue Energie zurückgehenden Emissionen dargestellt sind, erkennt man letztere erst bei dreifacher Vergrößerung der Abbildung so richtig. Mit anderen Worten: Die graue Energie ist vernachlässigbar.

Bei Maßnahmen zur Wärmedämmung ist im Ergebnisdiagramm der Netto-Klimagasemissionen (zusätzliche Emissionen aus der grauen Energie minus vermiedene Emissionen aus der Heizenergie Erdgas) die graue Energie immerhin sofort mit bloßem Auge zu sehen. Über 40 Jahre hinweg ist aber auch hier die Einsparung viel größer als der auf die Produkte zurückgehende Ausstoß, die Bilanz also positiv. Die "Amortisationszeit", bis sich die Investition ökologisch gesehen rechnet, ist bei einer Dämmung nie länger als 7 Jahre.

Am längsten brauchen Fenster, bis sie sich energetisch amortisieren. Der Extremwert von 11 Jahren tritt bei Kunststoff-Fenstern mit einer Dreifachverglasung auf.

Erdwärmepumpe, Pelletkessel und Dämmung als Öko-Sieger

In der Gesamt-Ökobilanz schneiden unter den Heizungssystemen eine teilweise mit Photovoltaikstrom betriebene Erdwärmepumpe und ein Pelletkessel am besten ab. Würde man nur dämmen, wäre die ökobilanzielle Rangfolge "Fassadendämmung (...) Innenwanddämmung, der Einsatz von Dämmputz, die Dämmung der obersten Geschossdecke bzw. des Daches und der Kellerdecke sowie zuletzt der Einsatz neuer Fenster."

Es bleiben drei Schwächen der Studie anzumerken. Zum einen sind Kraft-Wärme-Kopplung und Fernwärme bei den Wärmeversorgungssystemen nicht berücksichtigt. Zum anderen bleibt die betriebswirtschaftliche Bilanz völlig außen vor. Die sich stark unterscheidenden Kosten und Erträge unterschiedlicher Dämmstoffe und Heizungsanlagen spielen in den Betrachtungen der Forscherinnen keine Rolle. Die an sich sinnvolle Fragestellung, wie viel ökologische Verbesserung mit jedem bei einer Sanierung eingesetzten Euro erreicht werden kann, um verschiedene Maßnahmen sinnvoll bewerten zu können, wird damit ausgeblendet. Alexander Morhart

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