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Insgesamt könnten bis zu 80 Gebäude betroffen sein

Formaldehyd: Baugenossenschaft entfernt Dämmung

06.08.2013, 09:24

In Häusern der Baugenossenschaft Bochum klagen Mieter über hohe Formaldehydbelastung. © Baugenossenschaft Bochum

Sanierung und anschließend Formaldehydbelastung in den gerade energetisch optimierten Dachböden: Mit dieser Hiobsbotschaft sieht sich die Baugenossenschaft Bochum konfrontiert. Das Gesundheitsamt habe die Sperrung eines der Dachböden angeordnet, berichtet Oliver Krudewig, Vorstand der Baugenossenschaft Bochum. Nun wird der Dämmstoff entfernt. 30 Dachböden von Gebäuden, die in den vergangenen zwei Jahren saniert wurden, hat Krudewig vorsorglich ebenfalls dichtgemacht.

Die Empörung ist Krudewig, der als Vorstand seit Mai 2013 im Amt ist, deutlich anzuhören: "Wir waren schockiert. Wir sanieren unsere Gebäude und beauftragen Dämmung und sind anschließend mit solchen Problemen konfrontiert." Erste Beschwerden über den Geruch gab es Anfang Juli 2013. Dann wurde ein Gutachter beauftragt, dessen Expertise seit dem 2. August vorliegt. Es war eine Hiobsbotschaft: Die Formalehydkonzentrationen in den sanierten Dachböden sind deutlich zu hoch. Sowohl der Sachverständige als das Gesundheitsamt hätten danach gesagt, dass mindestens bei einem Dachboden eine Sperrung notwendig sei, so Krudewig.

Immerhin bestehe außerhalb der Dachböden keine Gefahr, sagt Krudewig: "Für gemessene Wohnungen bestehen keine gesundheitlichen Bedenken." In einer Wohnung hat ein Mieter einen Schnelltest gemacht. Laut Aussagen des Mieters hat dieser Trägertest eine vierfach erhöhte Formaldehydkonzentration gezeigt. Die Baugenossenschaft nimmt nun in der Wohnung eine Messung vor und geht den möglichen Ursachen nach.

Das Krisenmanagement läuft bei der Genossenschaft auf Hochtouren. Es geht unter anderem darum, die Ursache für die hohen Formaldehydkonzentrationen herauszufinden. Klar ist, dass Dachschrägen und Kellerdecken der Gebäude in den vergangenen Jahren und Monaten mit Schaum gedämmt wurden. Es handele sich um ein patentiertes Dämm-Material, so Krudewig. Seinem Unternehmen wurde vom Hersteller mitgeteilt, dass bei der Verarbeitung und Austrocknung keine gesundheitsgefährdende Ausgasung von Formaldehyd entstehen würde, so Krudewig. Vom Hersteller sei auf die Unbedenklichkeit in Bezug auf das Material und seine Verarbeitung hingewiesen worden. Es wird meist zur Kerndämmung eingesetzt.

Bei einer sachgemäßen Handhabung von UF-Ortschaum sollten keine Probleme auftauchen, sagt Siegfried Rehberg, verantwortlich für Technikfragen beim wohnungswirtschaftlichen Verband GdW. Rehberg: "Möglicherweise gab es Probleme bei der Verarbeitung, etwa beim Mischungsverhältnis der Substanzen," so Rehberg. "Wir gehen nun der Frage nach, ob hier möglicherweise ein Verarbeitungsfehler vorlag", ergänzt Krudewig.

Möglicherweise hat die Hitze der vergangenen Tage dazu betragen, dass die Ausgasung beschleunigt wurde. In den kühleren Kellern, bei denen der Schaum hinter einer Schalung eingespritzt wurde, sind keine Probleme aufgetaucht. Die Formaldehydkonzentration lag auf dem beanstandeten Dachboden beim bis zu Zehnfachen des als gesundheitsunbedenklich eingestuften Wertes von 100 Mikrogramm pro m³ Luft.

Verarbeitet wurde das Produkt vom Hersteller selbst. Für Krudewig ist klar: "Wir werden weitere Gebäude prüfen, in denen das Material verbaut worden ist." In 14 Tagen sollen dazu erste Ergebnisse vorliegen.

Gemessen wird dabei nicht nur auf den Dachböden und in den Kellern, sondern auch in Wohnungen, um auf Nummer sicher zu gehen. Den Namen des Herstellers oder Produkts will Krudewig aus juristischen Gründen nicht nennen. Das Material werde aber laut Auskunft seines Vorgängers seit Jahrzehnten verbaut. Bei der Bochumer Genossenschaft ist es in 70 bis 80 Gebäuden der 250 Bestandsbauten zum Einsatz gekommen.

Für Dämmstoffe aus Harnstoff-Formaldehydharz-Ortschaum, so genannte UF-Ortschäume zur Verwendung in Dächern und Decken, würden keine allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen erteilt, sagt Dirk Brandenburger, Leiter der Abteilung Fassadenbau, Umwelt und Gesundheitsschutz, Bauphysik, Abdichtung am Deutschen Institut für Bautechnik. Diese Dämmstoffe fallen unter die Norm DIN 18159-2 und müssen zusätzlich die Anforderungen der ETB-Richtlinie zur Begrenzung der Formaldehydemission in die Raumluft erfüllen.

Das Produkt wird am Ort der Verwendung hergestellt. Dazu wird entweder eine wässerige Harnstoff-Formaldehydharz-Lösung und eine durch Druckluft aufgeschäumte wässerige Tensid-Lösung oder eine durch Aufschäumen wässerige Harz-Tensid-Lösung hergestellt und mit Katalysatoren auf Phosphorsäurebasis gehärtet.

In der Norm DIN 18159-2 steht, dass UF-Ortschaum, der der Norm entspricht, für die Dämmung von Bauteilen angewendet werden darf, bei denen Dauertemperaturen etwa zwischen -30°C und 100°C auftreten. Das Produkt darf nach Austrocknung keine beeinträchtigenden Mengen Formaldehyd an die Umgebungsluft abgeben. Welche Mengen beeinträchtigend sind, legen die Gesundheitsbehörden fest. Die Austrocknung war in Bochum lange abgeschlossen.

Die Norm spricht weiter  davon, dass wesentliche Anwendungsbereiche zum Beispiel das Ausschäumen von Hohlräumen bei Wänden, Decken und Dächern sowie Zargen von Fenstern und Türen seien. Sollen Hohlschichten in zweischaligem Außenmauerwerk nach DIN 1053 Teil 1 mit UF-Ortschaum ausgefüllt werden, seien zusätzliche Nachweise der Brauchbarkeit erforderlich.

"Das Material ist zugelassen, aber stark reglementiert. Man ist sich der Gefahren bewusst. Wenn aber alle technischen Regeln eingehalten werden, ist nichts gegen eine Verwendung einzuwenden", urteilt  Rehberg. Er verweist zudem auf Alternativen. So gebe es auch Schäume ohne Formaldehyd, etwa aus Polyurethan. "Wenn wir über Einblasdämmung sprechen, gibt es auch Produkte wie Mineralwolle, Zelluloseflocken oder Blähtongranulate, die weniger Probleme machen. Das ist aber immer auch eine Frage der Kosten", sagt Rehberg. von Pia Grund-Ludwig

Was ist Formaldehyd

  • Formaldehyd ist giftig und kann vor allem zu Reizungen der Atemwege führen. Seit 2004 gilt es als krebserregend.
  • Als Schwelle für die Gesundheitsgefährdung gelten 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft.
  • In den 70er Jahren wurde es in vielen Holzwerkstoffen eingesetzt. Hier gibt es mittlerweile zertifizierte Alternativen. Außerdem ist Formaldehyd in manchen Klebstoffen, Farben und in Tabakrauch enthalten.
  • Viele mit Formaldehyd belastete Gebäude wurden in den 1980er und 1990er Jahren saniert.

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