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Kosten überfordern Einkommensschwache und führen zu Segregation

FAW fordert Aufforsten statt Gebäudesanierung

25.05.2011, 00:00

Sanierte Fassade eines Wohnhauses
Sanierung kann zur Verdrängung Einkommensschwacher führen. © AEE

Franz Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome und Leiter des Forschungsinstituts für angewandte Wissensverarbeitung (FAW) fordert, den Umweltschutz so zu organisieren, dass "die soziale Balance bei den Menschen mindestens das bisherige Niveau hält oder sogar besser wird." Wenn Kosten für die Gebäudesanierung auf die Miete umgelegt würden, überfordere das einkommensschwache Haushalte. Diese wählen ihre Wohnung nach der Kaltmiete aus, da sie die monatlichen Fixkosten darstellt. Dadurch steige die Nachfrage nach unsaniertem Wohnraum, und mit ihr die Gefahr einer zunehmenden Segregation.

Radermacher hat sich mit einem Forscherteam im Auftrag der Gesellschaft deutscher Wohnungsunternehmen (GdW) mit der sozialen Dimension des Klimaschutzes und der Energieeffizienz im Kontext von Bau- und Wohnungswirtschaft beschäftigt. Er geht das Thema sehr grundlegend an, ausgehend davon, dass Energieeffizienz global nicht der Hebel zur Lösung der Klimafrage ist, sondern Kompensation und Wiederaufforstung. Damit sei eine C02-Reduktion pro Tonne zu einem Preis von zehn Euro möglich. Bei der Gebäudesanierung koste die Vermeidung einer Tonne CO2 ein Vielfaches.

Sein Rechenbeispiel dazu: Die Sanierungskosten liegen bei 150 Euro/m2, einer dadurch bewirkten jährlichen Wärmeenergieeinsparung von 200 kWh/m2 mit Energieträger Heizöl und 40-jähriger Nutzung ergibt sich eine Emissionsreduktion von 40 x 200 kWh/(m²a) x 0,3 kg CO2/kWh = 2,4 t CO2/m². Dies führt auf rechnerische CO2-Vermeidungskosten von 150 Euro/m² / 2,4 t CO2/m² = 62,50 Euro pro Tonne.

Zentral ist nach Radermachers Analyse die Lösung des Klimaproblems. Wenn man das nicht löse, "dann ist CO2-Einsparen kein zentrales Thema und dann lösen wir das Klimaproblem ohnehin nicht. Das wenige bei uns eingesparte CO2 macht dann auch keinen wesentlichen Unterschied und kann insbesondere nicht der Grund sein, soziale Schieflagen noch zu vergrößern", warnt er. Energieeffizienz sei deshalb "nur insoweit zu verordnen, als dies sozial umsetzbar ist und keinen Bumerangeffekt erzeugt, sonst verschlechtern wir damit unsere gesamtwirtschaftliche Situation." Einen solchen Bumerang-Effekt befürchtet er bei der energetischen Sanierung und warnt vor einer "Beschleunigung der Segregation", insbesondere in Regionen "deren Mieterstruktur durch ein hohes Maß an jungen Haushalten und vielen 'Ökovorbildern' gekennzeichnet ist." Dort sieht der Ulmer Professor auch einen Wertverfall unsanierter Bestände.

Er unterteilt potentielle Mieter grob in drei Kategorien: "Ökovorbilder" und junge Haushalte, ältere einkommensstarke Mieter und einkommensschwache Haushalte. "Ökovorbilder" sind besonders auf umweltbewusstes Verhalten ausgerichtete Personen, die in ihrem eigenen Umfeld Umweltaspekte höher gewichten als den Finanzaufwand. Sie können sich eine energetische Sanierung leisten, auch wenn sie sich nur langfristig rechnet und werden nicht in Wohnraum mit ökologischen oder sozialen Schwachstellen einziehen solange anderer Wohnraum zu haben ist. Bei älteren einkommensstärkeren Haushalten sieht Radermacher wenig Bereitschaft, zugunsten energetisch saniertem Wohnraums umziehen oder die Wohnung zu wechseln, weil sie nach einer Sanierung teurer ist.

Bei einkommensschwachen Haushalten sei die Möglichkeit gering, nach einer Sanierung höhere Kaltmieten zu bezahlen. "Sofern Alternativen für Wohnraum mit günstigeren Kaltmieten verfügbar sind, ist daher zu erwarten, dass ein Abzug aus sanierten Beständen bei steigenden Kaltmieten erfolgt. Bei der Sanierung benachteiligt seien Bestände mit einem hohen Anteil einkommensschwacher Haushalte, da dort eine Erhöhung der Kaltmiete zur Finanzierung von Sanierungsmaßnahmen nicht durchsetzbar sei. Außerdem werde in der Regel nicht warmmietenneutral saniert, rechnet Radermacher vor. Als Reduktion des Endenergiebedarfs für Heizung und Warmwasser durch vollständige energetische Sanierung nennt er für ein "typisches" Mehrfamilienhaus der Baualtersklasse 1958 bis 1968 einen Wert von 132 kWh/m2a. "Spart man 100 kWh Endenergie pro m2 und Jahr in Form von Öl oder Gas, so resultiert hieraus bei einem Endenergiepreis von 6 ct/kWh eine jährliche Energiekostenersparnis von 6 Euro/m2. Es ergibt sich eine monatliche Energiekostenersparnis von nur 50 Cent pro Quadratmeter", rechnet er vor.

Mit diesem Ergebnis legt die Studie aus Sicht des GdW den Finger in die Wunde. Nach einer energetischen Modernisierung sei eine Entlastung bei den Wohnkosten erst bei steigenden Energiekosten nach mehreren Jahren im Vergleich zur unsanierten Wohnung sichtbar, so der Verband. Um sozial schwächer gestellten Haushalten das Wohnen in energetisch sanierten Gebäuden zu ermöglichen und Verdrängungseffekte zu vermeiden, sind aus Sicht des GdW neue Konzepte notwendig. "In energetisch sanierten Häusern sollten höhere Kosten der Unterkunft erstattet werden", forderte Verbandschef Axel Gedaschko.

Einen Beitrag zur Auflösung des Dilemmas ist das Vorgehen der Stadt Bielefeld, die ihren Beitrag zu angemessenen Kosten der Unterkunft von der energetischen Qualität des Wohnraums abhängig macht. Es wird ein Klimabonus gewährt. Je geringer der mutmaßliche Energieverbrauch laut Energieausweis, desto höher ist der maximale Erstattungsbetrag pro Quadratmeter Wohnfläche. Der Bielefelder Klimabonus beträgt monatlich maximal 0,65 Euro/m2. Generell rät Radermacher dazu, die Vorschriften für energetische Sanierung im Bestand eher zurückzunehmen, um mehr Potenziale für Sanierungen zu schaffen. "Will die Politik mehr, müsse sie sich entsprechend in die Finanzierung einbringen, was aber absehbar kaum umsetzbar sein wird", so sein Fazit. pgl

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