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Nachhaltig Bauen ist mehr als Energieeffizienz

EnEV ist für die Energiewende zu eng gefasst

26.09.2012, 18:12

Hans-Peter Henning vom ISE Freiburg auf dem Dena-Kongress
Henning: Auch Nullenergiehäuser gibt es nur bei guter Dämmung. © Dena

Wie baut man eigentlich nachhaltig? Dass es darauf verschiedene Antworten gibt und die Vorgaben in der EnEV ökologisch und ökonomisch gesehen nicht immer zielführend sind, zeigte sich beim Forum Effizienzhaus auf dem Energieeffizienz-Kongress der Dena in Berlin.

Die meisten der 18,8 Millionen Gebäude in Deutschland könnten durch eine effiziente Gebäudehülle und -technik so saniert werden, dass der Energieverbrauch um zwei Drittel verringert werde, berichtet Andreas Holm vom Forschungsinstitut für Wärmeschutz in München (FIW). Die Methoden dafür sind langjährig erprobt und haben sich bewährt.

Nun sei ja in den Medien in den letzten zwei Jahren verstärkt der Dämm-Wahnsinn angeprangert worden, so Holm. Das entbehre der wissenschaftlichen Grundlage, denn werden die bauphysikalischen Parameter beachtet, gäbe es mit der Wärmedämmung keinerlei Probleme. Probleme träten dann auf, wenn Dämmmaßnahmen nicht optimal geplant und ausgeführt werden. "Dämmen heißt nicht Schimmeln", so Holm.

Auch für ästhetische Lösungen stünden Werkzeuge und ausreichend Möglichkeiten bereit. Das beweisen genügend realisierte Projekte, die auch die Dena in der Sanierung begleitet und dargestellt hat. Mit den Berichten würden die Verbraucher stark verunsichert. Energiekosten ließen sich aber nur mit einem bestmöglichen Wärmeschutz reduzieren. Und es gebe für jedes Gebäude, egal ob Neu- oder Altbau, immer eine passende Lösung und das passende Material, sagt Holm.

Das Dämmen, so Holm, sei natürlich nur ein Aspekt des nachhaltigen Bauens, aber ohne gehe es nicht. Die richtige Vorgehensweise beim nachhaltigen Bauen müsse in drei Schritten erfolgen: zuerst Energieeinsparen, dann Energieeffizienz und schließlich der Einsatz von Erneuerbaren Energien.

In dieser Reihenfolge sieht das auch Hans-Martin Henning, der sich als stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) vor allem mit der Integration von Solartechnologien in Gebäuden befasst. Außendämmung, verbesserte Fenster mit hohem Energiedurchlassgrad und hohem Wärmeschutz zugleich, sowie effiziente Lüftungskonzepte mit Wärmerückgewinnung sind die ersten Schritte zum energetischen Bauen und Sanieren.

Auch für das Nullenergiehaus sei die Reduktion des Energiebedarfs über Dämmmaßnahmen ein entscheidender Faktor, quasi die Gutschrift um "Null" zu erreichen, so dass die restliche benötigte Energie über Solarenergie bereitgestellt werden kann. Da die Anforderungen nach den europäischen Richtlinien aber weiter steigen werden, "wird eine noch stärkere Nutzung von lokal verfügbaren erneuerbaren Energien notwendig sein", erläutert Henning.

Die erste Wahl für den Gebäudebereich ist dabei die Solarenergie, daher sei es wichtig, jetzt Solartechnologien für eine umfassende Integration in das Gebäude zu entwickeln. Innovationstreiber sei der Neubau, so Henning, die daraus folgenden technischen Entwicklungen können dann auf den Bestandsbau übertragen werden. "Gebäude werden in der Zukunft auch eine wichtige Rolle als Bestandteil der Energiewirtschaft spielen", ist sich der Forscher sicher, "das netzreaktive Gebäude trägt wirksam zum Management von Energiebereitstellung und -verbrauch bei".

Darüber hinaus kann die gesamte Gebäudehülle als Energieträger betrachtet werden; auch hier werden Systeme permanent optimiert. Transparente Solarkollektoren, die zugleich Blend- und Sonnenschutz bieten, sind derzeit in der Testphase. Ziel ist eine bessere Integration aller Komponenten in den Bauprozess.

Der Bewertungsmaßstab der EnEV zeige sich im Kontext des nachhaltigen Bauens und der Energiewende als zu eng gefasst, bemängelte Jürgen Veit vom Öko-Zentrum NRW. Damit könne man ökologisch als auch ökonomisch nicht mehr zielführend optimieren. Auch Fragen der begrenzten und konkurrierenden Ressourcen von Baustoffen und erneuerbaren Energien werden mit dieser Praxis nicht abgebildet, so Veit.

Die Instrumentarien des nachhaltigen Bauens wie des Deutschen Gütesiegels Nachhaltiges Bauen oder die Zertifizierung nach dem Bewertungssystem Nachhaltig Bauen für Bundesgebäude seien zwar erste Schritte, da sie über die Energieeffizienz-Fragen hinaus auch Wechselwirkungen abbilden. Es sei notwendig, so Veit, mit allen am Bau Beteiligten mehr als bisher zu kommunizieren. "Energiekonzepte im Kontext der Nachhaltigkeit bedeuten vor allem Minimierung des Energiebedarfs und des Risikos von folgenschweren Fehlentscheidungen beim Bauen", argumentiert Veit.

Die Betrachtung ganzer Zyklen von der Erstellung bis zum Rückbau müsse Standard werden. "Um weniger Zeit in die Gebäude und ihren Betrieb zu investieren, müssen wir mehr Zeit und Intensität für die Planung investieren."

In Deutschland liege man da schon gar nicht schlecht, meint Veit, in Nachhaltigkeit sei das alte Europa durch seine soziale und ökologische Kompetenz den neuen Wirtschaftsmächten weit mehr voraus als in der Energiefrage. "Die Energiewende ist richtig, wenn sie im Kontext der Nachhaltigkeit erfolgt", - doch auch das Konzept der Nachhaltigkeit stehe erst am Anfang.

Wie man Nachhaltigkeit schon heute baulich umsetzen kann, das wollen die Macher des Möckernkiez beweisen, die "schon heute für morgen bauen" und ein zukunftsweisendes Stadtquartier mitten in Kreuzberg auf einer ehemaligen S-Bahn-Brachfläche errichten lassen.

Die Nachhaltigkeit endet hier nicht beim Wohnen - auch ein nachhaltiges Verkehrskonzept soll hier Premiere haben, ein in der Genossenschaft organisiertes Carsharing-System, möglichst für Elektroautos und natürlich mit Ökostrom. Als einen wichtigen Teil einer nachhaltigen Energiewende sieht denn auch Gernot Lobenberg von der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO das Fahren mit Ökostrom, und zwar vor allem in Hinsicht auf Lastmanagement und Speicherung. "Elektromobilität muss ein Teil des Smart Grid werden", sagt Lobenberg. "Wenn von den eine Million Elektroautos, die von der Bundesregierung für 2020 als Ziel gesetzt wurden, die Hälfte davon am Netz sind, haben diese nahezu die gleiche Speicherkapazität, wie die heutigen Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland."

Um die Energiewende sinnvoll zu gestalten ist ein Zusammenspiel aller Parameter notwendig und eine Betrachtung, wie diese sinnvoll zusammenpassen und sich ergänzen können. Viele Wege führen zum nachhaltigen Bauen, das zeigen die verschiedenen Akteure und kamen zu dem gemeinsamen Fazit, dass jedes Projekt individuell zu betrachten ist - entscheidend ist eine ausreichende Kommunikation unter allen Beteiligten, eine frühe Klärung darüber, welcher Standard angestrebt wird und sinnvoll ist. Dabei gilt: Egal wie regenerativ die Energiequelle ist - die Energieeinsparung sollte immer am Anfang der Planung stehen.
von Nicole Allé

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