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Maßnahmen müssen frühzeitig geplant werden

Brandschutz erschwert Holzfassaden im Geschossbau

21.08.2014, 05:59

Mehrfamilienhaus mit Holzfassade
Südfassade des 5½-geschossigen Baugruppen-Wohnhauses „upstairs downstairs“ in Berlin mit Verschalung aus unbehandelter Douglasie. © Morhart

Holz als Material für Fassaden ist schick, klimafreundlich – und in deutschen Städten die große Ausnahme. Dafür sorgt nicht nur der Preis, sondern vor allem die leidige Frage des Brandschutzes bei höheren Gebäuden. Zwar gibt es 16 Landesbauordnungen, aber alle haben aus der Musterbauordnung übernommen, dass "Oberflächen von Außenwänden (...) schwer entflammbar sein" müssen [§ 28 (3)] – jedenfalls dann, wenn das Haus mehr als 7 Meter hoch ist, wobei die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses maßgeblich ist. Und Holz ist üblicherweise nicht "schwer", sondern "normal" entflammbar.

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Wer die Genehmigungsbehörde überzeugen kann, dass durch Ausgleichsmaßnahmen ein gleiches Maß des Brandschutzes erreicht wird wie bei schwer entflammbarem Fassadenmaterial, darf auch bei Gebäuden mit mehr als drei Geschossen eine Holzfassade bauen.

Normalerweise breitet sich, nachdem im Zimmer eines Hauses ein Brand entstanden ist, das Feuer so aus: Durch die Hitze oder bei einer Rauchgasexplosion platzt die Fensterscheibe. Entweder frisst sich nun das Feuer in die Holzfassade nach oben, oder im Lüftungsspalt unterhalb der Fassade steigen heiße Brandgase zum nächsthöheren Fenster.

Bis die Feuerwehr kommt, darf sich in Österreich, Deutschland und der Schweiz der Brand nicht über mehr als zwei weitere Geschosse ausbreiten. Um diese Zielgröße einzuhalten, gibt es mindestens sechs vorbeugende Schutzmaßnahmen:

1. Die Fenster werden von Stockwerk zu Stockwerk jeweils seitlich gegeneinander versetzt. Das kompliziert den Architekturentwurf, macht das Fassadenbild unruhig und ist bei durchlaufenden Fensterbändern nicht möglich.

2. In die Fassade werden mindestens 1 Meter breite Streifen aus nicht brennbarem Material eingearbeitet. Das kann ästhetisch unbefriedigend sein: Das Haus wirkt dann womöglich nicht mehr wie ein Gebäude aus Holz, sondern wie ein konventionelles mit Holzverkleidung.

3. Je Geschoss wird eine umlaufende Schürze aus mindestens 1 Millimeter starkem Stahlblech um das Haus herumgezogen, die die Holzfassade unterbricht und nach außen hin 15 Millimeter über sie hinausragt. Bereits ein solch geringer Überstand hat nach Brandversuchen der TU München eine ausreichende Wirkung. Diese Maßnahme ist die in Deutschland am weitesten verbreitete. Statt Blech kann auch Holz verwendet werden, das dann aber mindestens 20 Millimeter über die Fassade hinausragen muss. Am besten ist es, wenn die Schürze jeweils auf der Höhe des Geschoss-Stoßes platziert wird. Etwa 3 Meter oberhalb der obersten Fensterreihe ist eine weitere Schürze nötig, falls die Fassade so weit hinaufreicht.

4. Falls die Fassade hinterlüftet ist, wird entweder die Schürze als Lochblech in den Lüftungsspalt weitergeführt, oder dort wird ein Brandschutzband eingebracht, das bei Hitze aufschäumt. Im einen wie im andern Fall werden die heißen Brandgase damit auf ihrem Weg nach oben aufgehalten.

5. Jedes Geschoss wird gegenüber dem darunterliegenden um mindestens 20 Zentimeter zurückgesetzt (Staffelgeschoss). Der horizontale Streifen darf dann nicht brennbar sein.

6. Es kann auch eine Sprinkleranlage an der Fassade installiert werden. Anschaffung, Zulassung, Montage und später die Wartung sind jedoch so teuer, dass diese Lösung fast nie gewählt wird.

Um auch die Ausbreitung eines Feuers zur Seite hin aufzuhalten, sind die Brandwände mit einer Konstruktion ähnlich der beschriebenen Blechschürze in die Fassade hinein zu verlängern. Eine kompakte Übersicht der Schutzmaßnahmen 1. bis 4. gibt Hanspeter Kolb in einem 11seitigen Dokument, das Sie hier herunterladen können.

Filipp Neuhardt, Fachplaner für vorbeugenden Brandschutz bei der Berliner Architektengesellschaft Eberl-Pacan, warnt davor, mit der Planung solcher Details zu lange zu warten. Vor allem bei größeren Gebäuden "empfiehlt es sich ganz besonders, sie rechtzeitig zu planen und in den Brandschutznachweis aufzunehmen." Sonst könne die Ästhetik der Fassade leiden.

Ein Sonderfall ist die Verwendung von Holz nicht nur für die sichtbare Fassade, sondern auch für tragende Außenwände. Auch dafür gibt es ausgeführte Beispiele höherer Gebäude – wegen des immensen Aufwands für ein bauaufsichtliches Prüfungszeugnis jedoch nur wenige. Bezeichnenderweise hat Mandy Peter, die Ingenieurin, die das einzige achtgeschossige Holzhaus Deutschlands "H8" mitgeplant hat, ein Lehrbuch über Brandschutz bei Holzgebäuden geschrieben. Das Haus steht im bayerischen Bad Aibling und ist 25 Meter hoch (Fußbodenoberkante oberstes Geschoss).

Auch in Bayern dürfen Holzbauwerke normalerweise nur 13 Meter hoch sein. Hier reichten deshalb die Stahlblechschürzen an der Nut-und-Feder-Holzfassade aus nordischer Fichte nicht aus, obwohl sie 1,5 Millimeter dick sind und sogar 30 Millimeter über die Fassade hinausstehen. Vielmehr mussten Treppenhaus und Laubengänge aus Beton sein, so dass es sich strenggenommen nicht um ein echtes Holzgebäude handelt. Die tragenden Wände bestehen zwar aus Holz. Auf beiden Seiten befindet sich aber jeweils eine 18 Millimeter dicke, spezielle Feuerschutz-Gipsplatte. Dass es nicht sogar je zwei solcher Gipsplatten sein mussten, liegt an einer Reihe weiterer sogenannter Kompensationsmaßnahmen. So sind im Treppenhaus Steigleitungen für die Feuerwehr eingebaut. Auch Rauchmelder kommen zur Anwendung. Und die Steinwolle (Dicke: 24 Zentimeter), mit der der Bedarf an Heizenergie auf 18 kWh/m²a begrenzt wird, hat einen Schmelzpunkt von über 1.000 °C.

Die Holzwände sind je nach Stockwerk 10 bis 18 Zentimeter dick. Es handelt sich ausschließlich um Massivholz ohne Hohlräume (und damit potenzielle Glutnester). Erfreulicher Nebeneffekt sind wenige tragende Wände und damit flexible Grundrisse. von Alexander Morhart

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