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Halle will Neustadt zur klimaneutralen Mustersiedlung umwandeln

Bis 2050 könnte Plusenergie-Plattenbau stehen

17.03.2016, 08:30

Visualisierung Halle / Neustadt
Lokale Kleinwindkraft soll Stromernte im Quartier erhöhen. © Sascha Jecht, Norman Klüber

Ende der 60er-Jahre als größtes Wohnbauprojekt der DDR und sozialistische Vorzeigesiedlung errichtet, blickt Halle-Neustadt auf eine einzigartige Geschichte zurück. In dem damals eigenständigen Plattenbau-Stadtteil lebten in den 80er-Jahren mehr als 90.000 Menschen. Heute sind es noch halb so viele und Neustadt ist wieder Teil der Stadt Halle an der Saale.

Geblieben sind zuletzt vor allem ärmere Bevölkerungsschichten, wie Steffen Fliegner, Projekt- und Prozessmanager Stadtumbau der Stadt Halle, erklärt. Während in Neustadt nach der Wende rückgebaut wurde und soziale Probleme wuchsen, entstand nebenan auf einem ehemaligen Gelände der Roten Armee eine weitere Planstadt: der Technologiepark weinberg campus. Er beherbergt heute Wohngebäude, einen Teil der Universität mit 7000 Studierenden sowie einen Gewerbestandort mit 5400 Arbeitsplätzen. Unter dieser Ausgangslage entwickelt Halle nun einen ungewöhnlich weitreichenden Plan: Die Stadt will die beiden Siedlungen mit dem Projekt "halle.neu.stadt 2050" zusammenführen und zum Vorbild ökologischen Stadtumbaus machen.

"Wir wollen aus der traditionellen Planungsebene heraus"

Die "klimaneutrale und sozial funktionsfähige Stadt" ist der Hallesche Beitrag zum Wettbewerb Zukunftsstadt des Bundesforschungsministeriums. "Wir betreten in gewisser Weise Neuland, weil wir aus der traditionellen Planungsebene herauskommen wollen", sagt Fliegner.

Bisher arbeitete die Verwaltung mit den üblichen Mitteln der Stadtplanung und Sanierungsprogrammen wie dem Stadtumbau Ost. Nun will man 35 Jahre in die Zukunft planen. "In den Prozess sollen bewusst auch Technologien einbezogen werden, die heute noch nicht zur Verfügung stehen", sagt Norman Klüber vom Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen. Der Ingenieur betreut das Technologielabor, eines von vier in dem Projekt.

Eine zentrale Erkenntnis aus den bisherigen Werkstätten beschreibt Klüber am Beispiel der Elektromobilität im Umfeld von Wohngebäuden: "Es ist keine triviale Aufgabe für Stadtplaner, wenn statt wie heute sechs einmal 600 oder 6000 Elektroautos in Neustadt stehen und die Besitzer diese aufladen wollen." Natürlich könnte man Photovoltaikanlagen auf Dächer und Speicher in die Keller stellen, um damit Ladesäulen zu speisen, sagt Klüber. "Aber warum sollte der Hausbesitzer das tun? Der wird vielleicht sagen: Ich bin doch kein Stromerzeuger."

Viele Akteure sollen "grüne Platte" mit gestalten

Weniger technische Probleme stünden also den visionären Lösungen im Weg, als die Interessen der einzelnen Beteiligten und die dazu notwendigen Aushandlungsprozesse. Daher will die Stadt möglichst viele Akteure in die Ideenfindung einbeziehen: Neben der Wissenschaft mit ihrer Expertise und dem Gründungszentrum der Universität ist dies die Wohnungswirtschaft, vor allem die vier großen Vermieter in Neustadt. Auch soziale Träger - etwa in Form des Quartiersmanagements - und der Bildungssektor sind beteiligt, dazu die Kreativen der Stadt und natürlich die Anwohner.

Im Zentrum der Zukunftsstadt soll 2050 die "grüne Platte" stehen. "Schon der Erhalt der Gebäude ist grün, weil man Wohnraum mit niedrigem Aufwand schafft und erhält", so Klüber. Beim Bau vor knapp einem halben Jahrhundert habe man bereits auf größte Ressourceneffizienz geachtet und zum Beispiel möglichst dünne Betonwände errichtet. Beheizt werden die Häuser mit Fernwärme aus zwei modernen Gaskraftwerken, die auch Strom erzeugen.

Zwar erhielten die meist sechs- bis elfstöckigen Plattenbauten bei der Sanierung um die Jahrtausendwende unter anderem ein Wärmedämmverbundsystem und neue Fenster und entsprechen damit größtenteils dem Stand der Energie-Einsparverordnung 2002. Dennoch denkt man in Halle bereits an die zweite Sanierungswelle, die nach Fliegners Schätzung um 2030 herum ansteht. Damit die Wohnungen für die sozial schwache Mieterschaft bezahlbar bleiben, wird es das Ziel sein, bei möglichst niedrigen Investitionen die Bauten attraktiv zu halten und ökologisch nachhaltiges Wohnen zu ermöglichen.

Niedrigenergiebauweise kann Fernwärme unwirtschaftlich machen

Passiv- oder Plusenergie-Hausstandard könnten sich in der Gesamtbilanz aber möglicherweise zunächst noch negativ auswirken, sagt Klüber: Die Stadtwerke planten mit ihrer Fernwärme langfristig. Ohne Abnehmer wären die Kraftwerke überdimensioniert und unwirtschaftlich.

Mit dem Ziel der klimaneutralen Stadt müsse jedoch auch die Strom- und Wärmeerzeugung auf erneuerbare Energien umgestellt werden - auch wenn die Prozessbeteiligten erst noch definieren wollen, was sie überhaupt unter "klimaneutral" verstehen. Einzelne neu gebaute Aktivhäuser auf Brachen oder die großen Einkaufszentren könnten einmal dezentral Wärme ins System einspeisen.

In der grünen Platte sollen zudem grüne Werkstoffe zum Einsatz kommen. Als Beispiel nennt der Ingenieur holzfaserbasierte Dämmstoffe. Zur Trittschall-Dämmung wurde sie in den Häusern bereits erprobt, nicht jedoch zur Wärmedämmung. Für diese Gebäudeklasse steht dem der Brandschutz entgegen. Der Forscher für Naturstoffkomposite ist jedoch zuversichtlich, dass es in dazu Lösungen geben wird.

Die Bürgerworkshops zeigten zudem: Die Bewohner verstehen unter "grüner Platte" tatsächlich grün: Sie wünschen sich begrünte Dächer und Fassaden. "Das hätten wir in der Priorität so nicht gesehen, aber das kann man machen", sagt Klüber. Und Neustadt damit womöglich ein weiteres Mal zur Einzigartigkeit verhelfen. Von Daniel Völpel

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