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Bretzke: "Das ganze Technik-Gedöns ist nicht unbedingt hilfreich"

Architekten stellen den Erhalt von Gebäuden in Frage

01.10.2012, 09:03

Georg Sahner beim Vortrag in Neu-Ulm
Sahner: Gebäude mit ökologisch unbedenklichen Materialien sind kleine Schatztruhen. © Konyen

"Wenn schon bei der Planung die Kosten für die Sanierung 65 Prozent der Kosten eines Neubaus erreichen, dann reißen Sie lieber ab." Axel Bretzke, Professor an der Hochschule Biberach, provozierte mit dieser These bei einer Veranstaltung von Detail Research und der Forschungsinitiative Zukunft Bau zum Thema "Modellprojekte im Bestand" in Neu-Ulm.

Neben der Frage, wann eine Sanierung ihren Zweck voll und ganz erfüllt, bezweifelten die Architekten, Forscher, Unternehmer und Politiker in der Diskussion den Sinn von allzu viel Technik, von auferlegten Standards und von recycelten Balken. Sanieren oder doch lieber neu bauen? Obwohl Georg Sahner, Professor an der Hochschule Augsburg betont, dass er für die Sanierung von Gebäuden steht, zeigte er Schwierigkeiten im Umgang mit dem Bestand auf.

Dabei lenkte der Architekt und Studiengangsleiter Energie Effizienz Design den Blick weg vom einzelnen Gebäude: "Eine Siedlung von 1960 sieht komplett anders aus als ein Bebauungsplan von 2012." Zwar seien heute viel weniger Grünflächen vorgesehen, dafür würde ein Viertel heute so gebaut, dass Ressourcenschonung und energetische Abwägungen optimal umgesetzt werden können. "Eine Sanierung kann da nicht mithalten", sagt Sahner.

Für den Energiewirt und Physiker Bretzke sprechen vor allem die Kosten eher für einen Neubau: "Beim Bestand habe ich ja nicht nur die Kosten für die energetische Sanierung, sondern auch die für die sonstige Instandhaltung." Welche Schadstoffe müssen beseitigt werden? Wie tragfähig ist die Bausubstanz? Wie steht es um den Brandschutz? Wie um die Entwässerung? Und welche Steine könnten einem von baurechtlicher Seite in den Weg gelegt werden? Da diese Faktoren bei der Kostenplanung oft nicht berücksichtigt werden, markiert Bretzke die Kostengrenze einer Sanierung bei 65 Prozent der Neubaukosten.

Als weiteres Argument gegen die Sanierung brachten die Fachmänner auch die politischen Rahmenbedingungen ins Spiel: Um etwa die von der Bundesregierung angestrebte Reduzierung des Wärmebedarfs aller Gebäude um 20 Prozent zu erreichen, müsste viel mehr und viel intensiver saniert werden. "Um die politischen Ziele zu erreichen, brauchen wir ganz andere Standards und die Bereitschaft der Bevölkerung zu sanieren muss wesentlich größer sein", sagt Sahner.

Diese Notwendigkeit sieht auch Bretzke. Vor allem wenn er die hiesigen Standards mit anderen Ländern vergleicht: "Unser Niveau ist nicht so hoch, wie wir es gerne hätten." Doch machen diese politischen Ziele überhaupt Sinn? "Wir müssen umdenken", fordert Sahner. Im Fokus müsse viel mehr das "saugute Wohnen" stehen.

Auch wenn Energetiker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Haben ein mit Holz beheizter Kachelofen oder ein offener Kamin nicht auch ihre Berechtigung? Muss es nicht auch viel mehr darum gehen, dass das alte wieder erkannt wird? Sahner machte seine Überlegung an einem Mehrfamilienhaus aus den 60er-Jahren deutlich. Um den Charakter des Gebäudes zu erhalten, haben die Architekten etwa eine Wärmebrücke nicht gänzlich beseitigt, dafür aber den Energieverlust mit einer kreativen Balkenkonstruktion auf einen verträglichen Umfang gedrosselt.

Für einfachere Lösungen sprach sich auch Bretzke aus: "Das ganze Technik-Gedöns ist nicht unbedingt hilfreich." Natürlich stünde ein Mindestmaß an Technik, etwa bei der Dämmung, der Lüftung oder der Wärmerückgewinnung, außer Frage, alles was darüber hinaus gehe, sei aber eher kontraproduktiv. "Am besten ist es, wenn wir nur einen Schalter zum An- und Ausschalten haben."

Vor allem steigen mit der Technik auch die Kosten: Sensoren und sonstige Elektronik treiben schon den Preis für die Sanierung nach oben, und weil die Technik eine hohe Fehleranfälligkeit hat und deren Steuerung Fachleute erfordert, steigen auch noch die Betriebskosten.

Welche Blüten die Technikversessenheit teils treibt, zeigte er an einer Berechnung für die Sanierung einer Berufsschule nach Passivhausstandard: Dort wurden Kosten für den Kühlbedarf eingeplant. "Wer bei einem Haus in Deutschland einen Kühlbedarf hat, hat etwas falsch gemacht", sagt Bretzke.

Für Bauherren spielt beim Sanieren oft auch die Frage nach der Nachhaltigkeit eine Rolle. In diesem Zusammenhang kamen die Fachleute in Neu-Ulm auch darauf zu sprechen, wie viel Sinn es macht, bei der Sanierung frei werdendes Material wieder zu verwenden.

Anlass war ein Sanierungs-Projekt von Karsten Tichelmann. Der Ingenieur hat ein Reihenendhaus CO2-neutral saniert und dabei den Dachstuhl offener gestaltet. Dadurch hat er nicht nur mehr Tageslicht und damit mehr Wohn-Komfort erreicht, sondern auch Hölzer gewonnen, die er für den Anbau eines weiteren Zimmers im Erdgeschoss verwendet hat. "Wirtschaftlich rechnet sich das nicht", sagte Tichelmann, "der Holzunternehmer nimmt für das Abschleifen gleich viel, wie für das Verbauen neuer Hölzer."

Weil Rohstoffe immer knapper werden, sollte die Wiederverwendung von Baustoffen dennoch im Auge behalten werden, meinte Sahner. "Gebäude mit ökologisch unbedenklichen Materialien sind kleine Schatztruhen." Was ist nun von Bretzkes 65-Prozent-These zu halten? Trotzdem viele Argumente gegen eine Sanierung und für den Neubau sprechen, kamen die Fachleute in Neu-Ulm schließlich auf den gemeinsamen Nenner, dass der Rohbau entscheidend ist. Wenn dieser erhalten werden kann, ist die Sanierung in der Regel vorzuziehen. von Kathrin Konyen / pgl

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